Mehr Austausch und außerklinische Praxis
Anna Kerkow und Judtih Jeron heißen die neuen Bundesdelegierten des BundesHebammenSchülerinnenRats (BHSR). Sie kommen aus Dresden und Wiesbaden und haben sich viel vorgenommen. Sie wollen sich besonders dafür einsetzen, dass der Austausch zwischen den werdenden Hebammen, den Lehrerinnen, den Kreißsälen und den Berufsverbänden gut funktioniert. Einen weiteren Schwerpunkt legen sie auf die Verbesserung der Ausbildung im Hinblick auf außerklinische Hebammenarbeit. Beim letzten Ratstreffen vom 8. bis 10. Januar in Wiesbaden diskutierten mehr als 40 Teilnehmerinnen aus 16 Hebammenschulen über die nächsten Ziele des BHSR.
Die Schülerinnen wollen die in den letzten Jahren überall verteilten Flyer überarbeiten. Diese hatten viel Verwirrung und teilweise auch großen Ärger bei den Hebammenschülerinnen ausgelöst, weil der BHSR mit einem "stylischen" Foto für sich warb, auf dem eine junge Frau in "Krankenhauskluft\" und mit Stethoskop um den Hals zu sehen war. Dieses Bild entspricht aber nicht dem, das die meisten werdenden Hebammen von sich und ihrem Beruf haben. Dieser Schritt in eine klare, berufspolitische Aussage wird von vielen Hebammen sehr begrüßt. Die Skepsis gegenüber der dem BHSR, die in den letzten Monaten vielerorts zu spüren war, kann nun einer gesunden Hoffnung weichen.
Ein schönes Projekt stellten die Hebammenschülerinnen der Gastgeberschule Wiesbaden den Teilnehmerinnen vor: die "Wohlfühlzeit", die inzwischen von vier anderen Schulen teilweise abgewandelt in den klinischen Ausbildungsalltag übernommen wurde. Jede Woche wird an einem festen Wochentag eine Hebammenschülerin vom Einsatz auf der Wochenbettstation freigestellt, um den ganzen Tag für die Schwangeren da sein zu können, die stationär liegen müssen. Für jede Frau nimmt sich die Kollegin an diesem Tag eine Stunde Zeit, um etwas ganz nach deren Wünschen für sie oder mit ihr zu tun. Die Schülerinnen haben völlig freie Hand und werden von der Klinik mit Materialien unterstützt. Manche Frauen wünschen sich eine Stunde Zeit zum Reden, für eine individuelle Beratung, Geburtsvorbereitung, Entspannungsübungen, Massage oder auch unkonventionellere Alternativen wie einen Gipsabdruck von ihrem Bauch anzufertigen. Die werdenden Hebammen können sich so in der individuellen Schwangerenbetreuung ausprobieren. Für das Personal ist es eine Entlastung und für die Klinik ein "Marktvorteil". Wünschenswert ist, dass das Ganze dann noch gut angeleitet und supervidiert wird, gerade wenn es um psychosoziale Begleitung geht.
Auf dem Ratstreffen war auch Zeit für Austausch über den Ausbildungsalltag und die aktuelle Situation der Schulen. In einigen Schulen hat sich im Vergleich zu den letzten Jahren vieles zum Besseren geändert. So wurden teilweise regelmäßige Gespräche zwischen Kreißsaal, Hebammenschule und den Schülerinnen eingeführt oder es wird sich für mehr Praxisanleitung eingesetzt. Manche Schulleitungen haben schwer zu kämpfen gegen alte Muster in den Kliniken, die Hebammenschülerinnen noch immer als Putzhilfen und Mitarbeiterinnen zweiter Klasse betrachten. Manche Kreißsaalhebammen haben es auch nicht leichter, wenn sie durch chaotische Schulorganisation mit Schülerinnen arbeiten sollen, die nicht gut vorbereitet sind.
Eine Schülerin berichtete, sie habe sieben Monate lang keinen theoretischen Unterricht gehabt. Andere sind händeringend auf der Suche nach einer Lehrerin und finden keine (oder es wird durch den Träger keine eingestellt). Wieder andere erzählen, sie müssten einen Teil des Unterrichts damit verbringen, den Inhalt der Kreißsaalschränke auswendig zu lernen, und seien dann in der Praxis zuständig für das Putzen der Einrichtung inklusive Lampen und Plastikblumen. Nicht selten werden Schülerinnen täglich schikaniert, auch vor den betreuten Frauen, sodass noch immer einige wegen des permanenten Erlebens psychischer Gewalt die Ausbildung abbrechen.
Schade ist, wie viele Hebammenschulen offenbar noch immer keinen Wert auf Praxisanleitung legen und weder genügend Lehrerinnen einstellen, die vor Ort anleiten können, noch ein sinnvolles Mentorinnensystem einführen. Mit sinnvoll ist gemeint: nicht erst im dritten Lehrjahr, nicht eine Mentorin für 20 Schülerinnen und nicht so, dass einfach eine Hebamme oder Krankenschwester dazu "erklärt" wird, aber dass daraus keine praktischen Konsequenzen folgen, die das Ausbildungniveau anheben könnten.
Erschwerend kommt hinzu, dass der geburtsmedizinische Fortschritt nicht zu einer besseren praktischen Hebammenausbildung führt, sondern ins Gegenteil. An einigen Ausbildungskliniken werden mehr als 40 Prozent der Kinder per Schnitt geboren. Im konkreten Beispiel kann das heißen: "Ich habe in einem Kreißsaaleinsatz insgesamt bei 30 Kaiserschnitten assistiert und drei spontane Geburten gesehen." Â
Fragwürdig ist der noch immer praktizierte Einsatz von Hebammenschülerinnen in manchen Kliniken zur operativen Pflege auch männlicher Patienten. Könnte diese Zeit nicht sinnvoller genutzt werden?
Besonders traurig ist auch die schleichende Abschaffung des Externats an vielen Schulen. Die Zeiten werden immer kürzer und mit immer strengeren Auflagen belegt. Da dürfen Auszubildende nur noch im näheren Umkreis der Hebammenschule und nur an ausgewählten Standorten Erfahrungen sammeln, die im "Idealfall" dann auch noch mit der Ausbildungsklinik zusammenarbeiten. Externate bei Beleghebammen gelten teilweise als gleichwertig zu denen bei Hausgeburtshebammen. Und um die Externatszeit nach außen nicht skandalös gering aussehen zu lassen, werden Urlaubszeiten eingerechnet, mit denen die Schülerinnen das Externat verlängern "dürfen". Dass das alles weniger als halb legal ist, scheint niemandem aufzufallen und auch niemandem sauer aufzustoßen. Auch Auszubildende haben ein Recht auf Urlaubszeiten.
Bei dem Treffen kamen auch vorbildliche Beispiele zur Sprache: In Marburg gibt es jeden Monat ein Gespräch zwischen der Kreißsaalleitung, der Leitung der Hebammenschule und jeweils zwei Hebammenschülerinnen. Braunschweig gehört mit einem Externat von insgesamt zehn Wochen zu den Spitzenreitern auf dem Gebiet. Auch in Speyer haben die Schülerinnen zehn Wochen Zeit für außerklinische Erfahrungen (Urlaubszeiten nicht mitgerechnet). Die Speyerer Schülerinnen berichten konstant von einer sehr engagierten Schulleitung mit großem Einsatz für eine gute Kommunikation zwischen Schule und Kreißsaal und von einem Kreißsaal, in dem sie echte Geburtshilfe lernen und zum Beispiel viele aufrechte Geburten beobachten können. Auch die Hebammenschule in Heidelberg ermöglicht ihren Auszubildenden ein Externat von acht Wochen an einem Ort ihrer Wahl plus vier Wochen in einer Hebammenpraxis in Heidelberg. Die Schulleitung setzt sich auch hier sehr für eine gute Zusammenarbeit mit dem Lehrkreißsaal ein. Seitdem es in Hamburg einen neuen Chefarzt gibt, können Frauen ihr Kind auch nach vorangegangenem Kaiserschnitt auf normalem Weg zur Welt bringen, was die Erfahrungswelt der angehenden Hebammen enorm erweitert.
Im Moment vertritt der BHSR die Auszubildenden aus 39 Schulen, zu 17 fehlt der Kontakt. Die Delegierten hoffen, dass sich Schülerinnen von dort bei ihnen melden: Aachen, Augsburg, Berlin Neukölln, Bonn, Chemnitz, Cottbus, Halle, Jena, Leipzig, Lingen, Magdeburg, Minden, Münster, Oldenburg, Saarbrücken, Tübingen und Würzburg.
Der BHSR war bei der Tagung der Lehrerinnen für das Hebammenwesen im Januar dieses Jahres vertreten und hat mit einem Bericht aus den Reihen der Schülerinnen die aktuellen Belange auf den Tisch gebracht. Das diesjährige Sommertreffen organisieren die Auszubildenden der Hebammenschule in Villingen-Schwenningen vom 28. bis 29. August. Information und Kontakt zum BHSR im Internet unter: www.bhsr.de oder bei Judith Jeron, Hebammenschule Wiesbaden, Bühlerstraße 17, 65195 Wiesbaden, Tel. (06 11) 46 20 73 42, E-Mail: judith.jeron@web.de oder Anna Kerkow, Hebammenschule Dresden, Senefelder Straße 2, 01307 Dresden, Tel. (01 72) 3 94 40 55, E-Mail: anna-emilia-kerkow@web.de
Margarete Sommer, Beirätin im BundesHebammenSchülerinnenRats (BHSR); DHZ 7/2010
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