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Leseprobe DHZ 08/2010

Mütter stärken

Karin Niessen |

hat erforscht, wie Hebammen die Mutter-Kind-Beziehung fördern können. Was eine empathische Betreuung für Hebammen bedeutet, wird auf dem Hintergrund der in ihrer Studie erhobenen Zitate besonders deutlich. In der Nähe zu sein und die Mutter in ihrer neuen Rolle zu stärken, ist fundamental für das weitere Wohlergehen der jungen Familie

Klar, die Mutter-Kind-Beziehung fördert man eigentlich in jeder Betreuung.“*
Dieses Zitat einer Kollegin steht ebenso für ein berufliches Selbstverständnis von Hebammen als auch für eine Außensicht auf unseren Berufsstand, zum Beispiel im Hinblick auf Familiengesundheitsprojekte im Zuge der Prävention von innerfamiliärer Gewalt an Kindern. Diesem „eigentlich“ galt mein Interesse. Es wurde zur Grundlage einer Forschungsarbeit für den Abschluss des Diplom-Pflegepädagogikstudiums an der Fachhochschule Osnabrück. Wie fördern Hebammen die Mutter-Kind-Interaktion? Wie beschreiben sie ihre Arbeit? Welche Betreuungsstrategien haben sie entwickelt?
Der erste Teil dieses Artikels gibt mit Hilfe der Ergebnisse meiner Forschungsarbeit Antwort auf diese Fragen. Im zweiten Teil soll anhand einer Gesprächsequenz deutlich werden, wie aus einem typischen Gespräch während eines Wochenbettbesuches eine Reise zu den eigenen mütterlichen Fähigkeiten entstehen kann.

Methodisches Vorgehen

Die Forschungsarbeit entstand 2007 in einem Zeitraum von sechs Monaten. Die theoretische Anbindung umfasste auf der Grundlage der Bindungstheorie (Bowlby, Ainsworth 1969 ff.) auch die biologischen, geburtshilflichen, psychologischen und sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse zur Mutter- Kind-Interaktion seit den 1970er Jahren. Sechs erfahrene, freiberufliche Hebammen erzählten im Interview von Betreuungssituationen, in denen die Förderung der Mutter-Kind- Interaktion im Vordergrund stand. Die Interviews wurden wortwörtlich aufgeschrieben und mit Hilfe der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet. Im Ergebnis wurden induktiv acht Kategorien gewonnen, welche das Hebammenhandeln zur Förderung der Mutter-Kind-Interaktion beschreiben:

  • Erfassen der Aufgabe
  • Einschätzen der Situation
  • Erfassen mütterlichen Nähe-Distanz-Verhaltens
  • Vermittlung und Gestaltung kontaktintensiver, körpernaher Interaktionsformen
  • emotionale und soziale Entlastung
  • Die Frau als Mutter stärken
  • Vertrauensvolle Arbeitsbeziehung
  • Erfolg und Bestätigung

Eine Betreuungsstrategie, so entwickelt es Bryar (2003), ist die gelungene Verbindung von Wissen, Theorie und Erfahrung mit persönlichen, empathischen und intuitiven Qualitäten, welche sich durch kritisches Nachdenken zu einer persönlichen, genutzten, hebammenspezifischen Theorie entwickelt. Die Betreuungsstrategie der befragten Hebammen besteht im Kern aus drei Komponenten:

  • Vermittlung und Gestaltung kontaktintensiver, körpernaher Interaktionsformen
  • Stärkung der Frau als Mutter
  • emotionale und soziale Entlastung.

Vermittlung und Gestaltung kontaktintensiver, körpernaher Interaktionsformen
„…es ging darum, dass sie ganz bewusst die Augen schließt, dass sie die Hände zum Bauch nimmt, dass sie die Hände auch unterm T-Shirt hatte, einfach dass sie wirklich ganz klar das Kind spürt. Dass wir das Kind ganz sanft begrüßt haben, aufgeweckt haben. Das Kind hat sofort reagiert, als wenn es nur darauf gewartet hätte.“ Die Komponente „Vermittlung und Gestaltung kontaktintensiver, körpernaher Interaktionsformen“ beruht auf der Annahme, dass intensive Näheerlebnisse mit dem Kind zu mehr emotionaler Nähe führen. In der Schwangerschaft helfen der Mutter die Wahrnehmung des Kindes und seine Reaktionen auf ihre Kontaktaufnahme, sich einzulassen. Dazu leitet die Hebamme Berührungen des Kindes über den Bauch an oder sie berührt das Kind gemeinsam mit der Frau. Gleichzeitig motiviert sie zu einem Zwiegespräch mit dem Kind oder vermittelt ein solches Gespräch, ähnlich einer Übersetzerin. Nach der Geburt sind es die für beide Seiten befriedigend erlebten Situationen körperlicher Nähe, die die Distanz zwischen Mutter und Kind verringern sollen.
In den Beschreibungen der Hebammen wird deutlich, dass sie die vorgefundenen Situationen unmittelbar nutzen, indem sie sich flexibel auf das einlassen, was sie vorfinden und dabei spielerisch-kreative Ideen nutzen. So kann zum Beispiel eine sehr junge Wöchnerin ihr nach dem Baden noch nasses Baby auf ihrem nackten Bauch spüren. Die in diesen Momenten aufkommenden Emotionen werden von den Hebammen empathisch begleitet. Durch ihre eigene Zurückhaltung stellen Hebammen Situationen her, in denen die Mutter und das Kind interagieren. Dann nehmen die Hebammen eine möglichst unmerkliche Beobachterrolle ein oder korrigieren sensibel und nur nötigenfalls das Geschehen. In die Beratung lassen sie Anregungen für weiteren körpernahen Umgang mit dem Kind einfließen, zum Beispiel empfehlen sie ein Tragetuch oder Babymassage. Kommt die Mutter mit bestimmten Nähesituationen nicht zurecht, bietet ihr die Hebamme Alternativen.
Die Frau als Mutter stärken
„Wir hatten lange Gespräche darüber, was schwierig ist, wenn man Mutter wird, was sich verändert. Aber auch, was schön daran sein kann. Was man sich vorher vorgestellt hat und was dann doch ganz anders gekommen ist. ... ja, dass das Baby auch anstrengend ist.“
Im Vordergrund dieser Komponente steht die Unterstützung des Rollenwechsels. Die Frau gewinnt mehr Selbstvertrauen durch zunehmende Kompetenz in ihrer neuen Rolle. Wenn die Mutter unsicher ist, begibt sich die Hebamme, kraft ihres Vertrauens in die mütterlichen Fähigkeiten, gemeinsam mit der Frau auf eine Ursachen- und Lösungssuche. Sie ermutigt die Frau, sich über individuelle Erfahrungen als kompetente Mutter zu erleben, indem die Frau eigene Lösungsstrategien ausprobiert und durch den Erfolg einen Zuwachs ihrer Kompetenz erlebt. Mutterbilder werden gemeinsam reflektiert und idealisierte Rollenvorstellungen als solche entlarvt. Das eigene Muttersein oder Nichtmuttersein war zwar kein Thema in den Interviews. In den Gesprächen ging es aber auch darum, dass die Hebamme der Frau von ihren eigenen Erfahrungen erzählte.
Das Gespräch ist das vornehmliche Medium dieser Komponente. Auch taktile Interventionen setzen die Hebammen ein. So beschreibt eine Hebamme eine sanfte, fast unmerkliche, nonverbale Korrektur der Körperhaltung während des Stillens durch das Ausstreichen der Schultern, welche unmittelbar zu einem Erfolgserlebnis beim Anlegen des Kindes führt. Als weitere Unterstützung zur Stärkung mütterlichen Selbstvertrauens nennen Hebammen auch Homöopathika und Bachblüten. Deutlich wird der partnerschaftliche Betreuungsansatz der Hebammen, insbesondere wenn sie ihre beratende Funktion behutsam in Situationen einfließen lassen. Voraussetzung für die Hebammen ist die Reflexion ihrer persönlichen Einstellungen, um die Akzeptanz individueller Lösungswege und die Wahrung des Selbstbestimmungsrechtes der Frau zu erhalten, auch angesichts kulturell oder sozial fremder Lebenswelten. So räumt eine Hebamme ein, dass die Entscheidung der Mutter, sich ohne Kind in eine stationäre psychiatrische Einheit aufnehmen zu lassen, nicht in ihrem Sinne und dennoch rückblickend für die Mutter richtig war.
Emotionale und soziale Entlastung
„Die Kinder sind bei mir gar nicht so im Vordergrund. Weil ich meine, die kriegen sowieso immer so viel Aufmerksamkeit und Zuwendung, und die Mütter, die liegen immer irgendwo und können nicht. Und von daher sind eigentlich die Mütter in meiner Arbeit so meine Hätschelkinder.“
Hebammen erleben Frauen als belastet. Die befragten Hebammen wissen, dass sich die Frau häufiger und offener dem Kind zuwendet, wenn sie weniger belastet ist. Deshalb geben sie der Mutter Gelegenheit sich auszusprechen und sorgen für eine emotionale Entlastung. Dabei signalisieren die Hebammen Akzeptanz gegenüber den Gefühlen und entlasten so die Mutter von dem Gefühl „nicht richtig“ zu sein. Als weitere Möglichkeit nannten die Hebammen Rücken- oder Bauchmassage oder eine Entspannungsübung, um der Mutter etwas Gutes zu tun. So sorgen die Hebammen für Entspannung und eine Steigerung des Wohlbefindens. Das Ermitteln und Einbinden der Ressourcen Partner, Familie, soziales Netzwerk sowie die Vermittlung von Kontakten zu Frauen in ähnlicher Lebenssituation, zu Stillgruppen, Selbsthilfegruppen, Elternkursen wurde von allen befragten Hebammen als eine Form der Suche nach sozialer Entlastung genannt. In dieser Komponente verbinden Hebammen das Wissen um die Konsequenzen psychosozialer Belastungen für die Mutter- Kind-Interaktion mit ihren beruflichen und mit ihren persönlichen Erfahrungen. Wobei sie die Frauen an Letzteren auch bewusst teilhaben ließen.

Die Betreuungsstrategie im Kontext

Mit den über die drei Komponenten hinausgehenden fünf weiteren Kategorien, welche an dieser Stelle nur im Ansatz betrachtet werden, vervollständigt sich das Bild des Hebammenhandelns. Hebammen nehmen die Förderung der Mutter-Kind-Interaktion weit über das unmittelbare postpartale Bonding hinaus wahr. Sie unterstützen diese bereits in der Schwangerschaft und weiterhin im Wochenbett. Sie schätzen Risiko- und Schutzfaktoren für die Mutter-Kind-Beziehung ein, wobei sie viele Ursachen wahrnehmen: die lebensgeschichtliche Erfahrung der Frau, deren Sozialisation und bisherige Erfahrungen mit Mutterschaft, aktuelle Risikofaktoren wie Alter, Parität, Paarbeziehung, familiäre Situation, ungewollte Schwangerschaft, ambivalente Haltung gegenüber dem Kind, Ängste, Alltagsbelastungen, Temperament des Kindes. Eine systematische Erhebung der Risikofaktoren findet bei den Befragten nicht statt. Fallen die Frauen durch einen Mangel an emotionaler Reaktion ihren Kindern gegenüber oder durch fehlende, vermeidende und verzögerte Interaktion auf, reagieren Hebammen mit Interventionen der beschriebenen Betreuungsstrategie. Den Erfolg ihrer Maßnahmen erfahren die Hebammen durch die Rückmeldung der Frau oder durch die Beobachtung der Mutter im Kontakt mit dem Kind. Eine systematische Evaluation gibt keine der befragten Hebammen an.
Die vertrauensvolle Arbeitsbeziehung zwischen Hebamme und Frau, der Zeitraum und die Kontinuität der Betreuung beeinflussen die Unterstützung der Frau in ihrer Bindung zu dem Kind. Einige Hebammen äußern Unsicherheit, ob sie Hausbesuche abrechnen dürfen, deren einziger Grund die verzögerte Interaktion im Mutter-Kind-Kontakt ist. Sie entschieden sich dafür und trugen damit der Bedeutung ihrer Aufgabe Rechnung.

Kommunikation und Tabu

„Aber mir fehlt eigentlich auch diese psychologische Gesprächsführung.“
In den Interviews wird deutlich, dass die Hebammen sich der Sensibilität des Themas um die Mutter-Kind-Beziehungen bewusst sind und ihre Kommunikation achtsam und feinfühlig gestalten. Empfindet eine Mutter Fremdheit gegenüber ihrem Kind, ist dies ein subjektiv beängstigendes Gefühl. Aber es ist auch eine häufig tabuisierte Wirklichkeit. Die befragten Hebammen erkennen die Grenzen ihrer persönlichen und fachlichen Fähigkeiten und suchen im Zweifel kollegialen Rat oder einen anderen Fachbeistand für die Frau. Mangelnden Erfolg in der Beratung beschrieben die Hebammen insbesondere im Bereich der Einbindung des Partners und der Ressourcenmobilisation. Die häufigsten Unsicherheiten wurden bei der Gesprächsführung über emotional belastende Situationen und bei einer systematischen Erhebung der psychosozialen Vorgeschichte genannt. Diese Unsicherheiten können dazu führen, dass wesentliche Aspekte nicht erhoben werden und Lösungsmöglichkeiten außer acht bleiben.

Beispielhaftes Gespräch

Nachhaltig stärkend wirkt insbesondere das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Das folgende Beispiel ist Hebammen vertraut: Die Mutter ist ernüchtert über die Wirklichkeit eines Alltags mit Baby und erlebt sich selbst als unzulänglich. Wie kann die Wöchnerin ihre Kompetenzen und Bewältigungsstrategien selbst entdecken? Die personenzentrierte Gesprächsführung nach Rogers erscheint durch ihren humanistischen Ansatz geeignet, um dieses Ziel zu erreichen. Im Mittelpunkt stehen die Erlebniswelt und das Vertrauen in die Fähigkeiten der betreuten Frau. Exemplarisch verdeutlicht der folgende kurze Gesprächsausschnitt eine Möglichkeit, mithilfe von geeigneter Gesprächsführung die Mutter auf eine Entdeckungsreise der eigenen Fähigkeiten zu begleiten.
Frau im Wochenbett, dritte Woche nach der Geburt: „Das habe ich mir irgendwie alles ganz anders vorgestellt. Irgendwie romantischer!“
Hebamme empathisch/ermutigend: „Hmh?“
Frau: „Ja, ich dachte, wir sitzen dann immer da, der Peter und ich, so Arm in Arm und schauen immer ganz glücklich auf das schlafende Kind.“
Hebamme: „Und wie ist es jetzt?“
Frau: „Ja, jetzt ist der Peter kaum hier, wegen dem neuen Job, und ich bin eigentlich immer nur müde. Und Liv schläft ja auch gar nicht so viel, wie ich dachte, und schreit so oft.“
Hebamme: „Du bist müde und es läuft nicht so, wie du es dir gewünscht hast?“
Frau: „Ja, ja natürlich. Ich kann dann nicht mehr, bin dann so müde und dann tut sie mir so leid, die Kleine, und ich kann ihr gar nicht helfen.“
Hebamme: „Du fühlst dich dann hilflos?“
Frau: „Ja, total inkompetent, dass ich nicht mal schaffe, dass sie aufhört zu weinen. Also ich mein, das ist doch wohl das Mindeste, dass ich sie tröste und dass ich schaffe, dass sie nicht so unglücklich ist.“
Hebamme: „Da erlebst du dich als unzureichend?“
Frau: „Ja, das ist doch wohl das Mindeste, dass ich schaffe, dass sie nicht weint!“
Hebamme: „Du denkst, eine gute Mutter hat ein stilles Baby?“
Frau: „Ja, ne.“, denkt, dann weiter: „Nein, ich weiß ja, dass sie nicht weint wegen mir oder so. Und dass sie auch weinen darf und soll – und dass ich sie dann tröste und dass ich erkenne, was sie will oder braucht.“
Hebamme: „Und wenn sie dann weint, was machst du?“
Frau: „Ich gucke erstmal, wie sie weint, ob sie eigentlich schon so richtig wach ist oder ob sie gerade wach wird. Manchmal schläft sie dann auch wieder ein.“
Hebamme: „Du kannst also schon gut unterscheiden, wann sie weint und dich braucht und wann auch nicht.“
Frau: „Ja, manchmal ist es gut, wenn ich sie ganz eng halte. Manchmal schläft sie besser ein, wenn sie im Stubenwagen liegt und ich nur daneben sitze.“
Hebamme: „Wie hast du das herausgefunden?“
Frau: „Ich weiß nicht, es war so ein Gefühl, wenn sie so schrie und sich wegdrückte von mir. Dann hab ich gedacht, okay, jetzt möchtest du deine Ruhe haben und nicht die ganze Knuddelei. Und meistens ist es aber so, da habe ich das Gefühl, dass sie richtig getröstet werden muss. Und dann nehm´ ich sie und summ´ ihr so´n bisschen was vor und lauf´ dann auch rum oder still´ sie noch mal, wenn sie sich nicht einkriegt.“
Hebamme: „Da hast du bereits ein sehr gutes Gefühl dafür, dass Liv unterschiedliche Bedürfnisse hat, wenn sie weint. Und kannst du sie dann trösten?“
Frau: „Ja, eigentlich schon. Sie hört dann auch auf zu weinen.“
Hebamme: „Wie erlebst du dich da als Mutter?“
Frau: „Das ist schon alles richtig so. Und klar, ich versteh´ nicht immer, was sie so braucht. Und doch, eigentlich wird es immer besser, dass ich sie auch trösten kann und dass sie sich dann auch entspannt – und ich mich dann auch. Und dann liegen wir so auf der Couch und das ist dann auch wirklich richtig schön.“
Die Wöchnerin kann in diesem Gespräch ihre mütterlichen Fähigkeiten reflektieren. Die zu Beginn des Gesprächs ursächliche Enttäuschung über die erwartete Familienidylle wird abgelöst durch das Bewusstsein über eine reale, gelungene Situation mit dem Kind. Die Entdeckung der Selbstwirksamkeit ist in diesem Fall eine nachhaltige Stärkung der Frau als Mutter.

Ausblick

Um eine Handlungssicherheit in diesem komplexen Feld zu haben, brauchen Hebammen Fachwissen über den mütterlichen Rollenerwerb, die Interaktionsmuster zwischen Mutter und Kind, die Kompetenzen und Ausdrucksformen des Neugeborenen und des Säuglings. Hebammen brauchen Kenntnisse über Risiko- und Schutzfaktoren für mütterliches Bindungsverhalten. Sie sollten die Anzeichen verzögerter Interaktion, von Vernachlässigung und Gewalt frühzeitig sicher erkennen können. Methodenkompetenz in Bereich Gesprächsführung macht die Begleitung der Frauen wirksam und trägt dazu bei, dass der Bedarf der Frau möglichst vollständig gesehen und beantwortet wird. Zur gegenseitigen Unterstützung ist beispielsweise kollegiale Beratung ein geeignetes Instrument. Sie ist als Methode etabliert, aber im Hebammenwesen noch nicht so bekannt: In einem systematischen Beratungsgespräch beraten sich Kolleginnen wechselseitig nach einer vorgegebenen Gesprächsstruktur zu beruflichen Fragen und Schlüsselthemen, um gemeinsam Lösungen zu entwickeln.
Im Umgang mit tabuisierten Themen benötigen Hebammen persönliche und Fachkompetenzen. Dazu gehört auch die Reflexion der eigenen Lebensgeschichte in der Rolle als Kind oder als Mutter. Hier ist auch die Ausbildung gefordert, der Entwicklung dieser Fähigkeiten Rechnung zu tragen. Diese Reflexion ist Voraussetzung, um offen zu bleiben gegenüber der Individualität der betreuten Frau und Familie.

Die Autorin

Karin Niessen, geboren 1966, machte 1990 ihr Hebammenexamen, arbeitete vier Jahre angestellt, dann 15 Jahre freiberuflich mit Schwerpunkt in der Begleitung von Frauen und Familien mit besonderem Betreuungsbedarf. Von 2004 bis 2007 studierte sie Pflegepädagogik, aktuell lehrt sie an der Hebammenschule Osnabrück.

Kontakt: KarinNiessen@gmx.de

*Die Zitate in Kursivschrift sind den Interviews der Forschungsarbeit „Mutter-Kind-Interaktion – Vorstellungen freiberuflicher Hebammen“ (Niessen 2007) entnommen und wurden hier zugunsten des besseren Leseflusses ohne Füllworte, umgangssprachliche Aussprache und Pausenlaute wiedergegeben.

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